(B)laue Nacht auf der Märchenbühne – Petards bis Savoy

Blauer Abend auf der Märchenbühne mit (v.l.) Markus Keiner-Rockenbach, Rebekka Knoll und Carina Knoll. Wer gerne Geschichten und Lieder aus der Vergangenheit hört, also aus der Zeit, in der Rock- und Popmusik noch keine gängigen Begriffe waren, aber der Rock‘n‘Roll bereits im Sterben zu legen schien, nämlich als die Bands noch Beat-Musik spielten, hatte am Freitagabend auf der Märchenbühne sicher viel Freude.

Dass sie eine 32-jährige Frau erzählt, die sich ganz offensichtlich in die Musik der späten sechziger und frühen siebziger verguckt hat, fasziniert ist von den Harmonien aus der Zeit ihrer Eltern und darüber – oder dazu – gerne Liebesgeschichten schreibt, überrascht. Dabei wirkt Rebekka Knoll gar nicht, wie aus einer anderen Zeit oder wie ein Realitätsflüchtling. Ganz im Gegenteil: Die Germanistin und Theaterwissenschaftlerin hat jahrelang als Werbetexterin und online-Redakteurin gearbeitet und steht mitten im Leben.

Die Freude, die sie ausstrahlt, wenn sie auf der Bühne zusammen mit Markus Keiner-Rockenbach aus ihrem Roman „Blaue Nächte“ liest, während Schwester Carina dazu singt, steckt an und schnell wird klar, dass sich die junge Autorin, die ihre hauptberuflichen Jobs inzwischen alle an den Nagel gehängt hat und nur noch schreiben will, einfach sehr gut in Menschen, Gewohnheiten, andere Zeiten und Emotionen hineinversetzen kann. Plastisch schildert sie die Geschichten von Lotte, Emil, Milena und anderen Personen, die sich im „Blue Nights“, einem alten Beatclub treffen oder hätten treffen sollen. Oder war es doch heute, in einem modernen Techno-Club?

Einen Büchertisch gab es auch. Fotos: Rainer SanderEigentlich spielt die Geschichte im Jahr 1967, als die Petards, eine der bekanntesten deutschen Beatbands in Schrecksbach aus der dortigen Diskothek Mylord heraus die Clubs und Bühnen der Republik eroberten. Uneigentlich spielt sie aber auch jetzt. Nur irgendwie nicht im hier und jetzt. Oder doch? Als Milena im jetzt modernen Club ihrer Mutter aushilft, begehrt ein älterer Mann verzweifelt Einlass, weil auf der Tanzfläche jemand auf ihn warte. Als Milena ihn abweist, bricht er zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Am nächsten Tag entdeckt sie zufällig im Antiquariat ihres Großvaters ein Büchlein mit Liebesbriefen eines Emil an seine Lotte und an das Blue Nights vergangener Zeiten…

Eine Geschichte aus zwei Zeiten

Wer heute das Savoy in Schauenburg-Elgershausen besucht, kann dort durchaus ältere Männer und Frauen treffen, die sogar Einlass erhalten. Hier ist die Zeit etwas stehen geblieben, die Bögen der Deko rund um die Tanzfläche stammen noch aus früheren Jahren und selbst der Fußbodenbelag scheint seit den Sechzigern, als das Savoy noch Kettelclub hieß, nicht mehr erneuert worden zu sein. Und immer noch wird Rockmusik gespielt, manchmal auch aus der Zeit der sechziger und vor allem siebziger Jahre. Von hier hat Rebekka Knoll ihre Inspiration und hier hatte sie auch die erste Lesung mit Arno Dittrich, dem Schlagzeuger der Petards.

Einige im knapp 100-köpfigen Publikum an der Märchenbühne scheinen die Petards noch live erlebt zu haben, alle scheinen die alten Clubs zu kennen und vielleicht auch das Savoy, in dem man sich die Geschichte noch heute gut vorstellen kann. Genauso im offenen, fantasievollen Raum zwischen Fantasie und Wirklichkeit, wie der Roman es beschreibt. Man weiß nie so genau, was Wirklichkeit ist und was Fiktion, aber dieses Gefühl verliert man in der Liebe schließlich gar nicht so selten…

Märchenbühne statt Mediothek

Die erste Lesung nach Corona war für das Trio so aufregend, dass nicht immer klar war, wann Musik und wann Lesung an der Reihe war, aber die Autorin behielt stets die Übersicht. Ein Abend voller Poesie und Fantasie, präsentiert auf eine menschliche, nicht fehlerfreie, aber authentische Art. So wie die Geschichte, um die es geht… Und natürlich gab es auch Musik der Petards! Klar: Deeper Blue! Und irgendwie scheint man beim Hören und auch beim Lesen des Buches immer mal wieder selbst entscheiden zu müssen, in welcher Zeit man gerne gerade sein möchte. Jörg Daniel von der Kulturabteilung im Rathaus hatte die Autorin begrüßt und noch einmal daran erinnert, dass Corona verhindert hatte, dass die ursprünglich geplante Lesung zum Welttag des Buches in der Mediothek stattfindet.

Hintergrund: Buch und Autorin

Rebekka Knoll ist 1988 in Kassel geboren und in Edermünde-Haldorf aufgewachsen, wo sie inzwischen wieder wohnt. In Erlangen, Bern und Berlin hat sie Theaterwissenschaft und Germanistik studiert und gleichzeitig begonnen, belletristische Romane, Coming-of-Age-Geschichten, Jugendthriller und Liebesromane zu schreiben. Weitere Infos findet man auf ihrer Homepage www.rebekkaknoll.de. „Blaue Nächte“ ist bei Penguin erschienen. (rs)